Der
gemeinnützige Verein Wand 5, u.a. Organisator des Stuttgarter
Filmwinters, veranstaltet nunmehr zum vierten Mal das Vortrags-
und Präsentationsforum media-space, das sich mit der Beziehung
zwischen Medien und Raum, Informationstechnologie und Architektur
auseinandersetzt. Im Zentrum der Überlegungen steht jedoch
nicht allein die technische Seite dieser zunehmend enger werdenden
Verbindung, sondern vor allem künstlerische und gesellschaftliche
Fragestellungen. Der media-space richtet sich an all jene, die
sich mit Fragen der Raumproduktion und -wahrnehmung auseinandersetzen
– angefangen von Architekten, Künstlern und Mediendesignern
bis zu Szenographen und Filmemachern –, aber auch an kultur-
und technologieinteressierte Bürger, die den Weg der Mediatisierung
und Digitalisierung unserer Lebenswelten kritisch und aufgeschlossen
begleiten wollen.
Durch
digitale Techniken und Robotik, Virtual Reality und Mixed Reality
werden unsere Wahrnehmungsgewohnheiten im urbanen Raum zunehmend
determiniert. Mobile Endgeräte sind nicht nur Kommunikationsapparate,
sondern navigieren uns durch den Stadtraum und machen uns gleichzeitig
allgegenwärtig und lokalisierbar. Auch die Produktion von
Architektur und Raum hat sich durch Software in den letzten
zehn Jahr enorm gewandelt. Das Berufsbild des Architekten und
des Designers transformiert sich zunehmend zum Medienproduzenten,
der (Informations-)Räume visualisiert. Beim media-space
werden diese Themen und viele analoge Themen angesprochen, z.B.
wie sieht das mediatisierte Museum der Zukunft aus? Wie sieht
das Verhältnis von Körper, Medien und Raum aus? Wie
können Medien sinnvoll im klassischen Bühnenraum des
Theaters eingesetzt werden?
Beim
kommenden media-space werden die Möglichkeiten visionären
Bauens neu diskutiert. Zwischen den großen architektonischen
und urbanen Konzepten, z.B. Weltausstellungen, Stadtplanungsszenarien,
und den Mikroutopien, die aus teilweise zufällig entstehenden
Freiräumen entstehen, scheint eine große Kluft zu
bestehen. Der media-space 2004 versucht in Vorträgen, Workshops
und Präsentationen Verbindungslinien zwischen den großen
Entwürfen und den kleinen, eher organisch entstehenden
Aktivitäten herzustellen. Mikroutopien, Umnutzungen und
Verschiebungen im urbanen Raum. Neue urbane Herausforderungen,
z.B. das Schrumpfen
der Städte in Ostdeutschland, verlangen neue Überlegungen.
Im
Zeitalter der knappen Kassen stellt sich zunehmend die Frage,
wie mit wenigen Mitteln Städte oder Regionen belebt werden
können? Die Dokumenta-Teilnehmer Park
Fiction, aber auch der albanische Künstler Anri Sala,
die ein Projekt des Künstlers und Bürgermeisters von
Tirana Edi Rama dokumentiert hat, sind gute Beispiele wie mit
Eigeninitiative Veränderung und Verbesserung von Lebensqualität
erreicht werden kann. Oftmals stehen bei diesen Projekten der
aktive und kommunikative Aspekte im Vordergrund. In diesem Zusammenhang
ist zumeist Teamwork und interdisziplinäres Arbeiten gefragt,
wie beim EU-Forschungsprojekt „Urban Catalysts“,
das sich mit der Zwischennutzung von Gebäuden und Geländen
auseinandersetzt. Ein Team aus Architekten, Stadtplanern, Vertretern
kommunaler Verwaltungen, Juristen, Ökonomen, Soziologen
und Künstlern untersuchte in Amsterdam, Berlin, Helsinki,
Neapel und Wien Entstehungsursachen, Bedeutung und Potentiale
von Zwischennutzungen in urbanen Transformationsprozessen. Ziel
war auch, konkrete Handlungsmodelle und strategische Werkzeuge
für die unterschiedlichsten Akteure zu entwickeln …
Im
Rahmen dieses Themenkomplexes realisiert Wand 5 / Benjamin Fischer
eine Onlineplattform und datenbank für leerstehende
Immobilien bzw. Architekturleichen. Bürger, Architekturinteressierte,
Interessenten an leerstehenden Immobilien, z.B. Clubbetreiber,
Künstler, Filmemacher etc., können mit Hilfe der Datenbank
leerstehende Gebäude ausfindig machen bzw. selbstständig
Informationen (Bilder, Beschreibung der Immobilie, Nutzungsart
etc.) auf die Datenbank hochladen.
Visionen,
Fiktionen und große Inszenierungen zwischen Scheitern
und Realisierung
Aber auch visionäre Architekturmodelle und -entwürfe
sowie konkrete Umsetzungen werden von Architekten und Planern
vorgestellt. In den letzten Jahren waren u.a. Vertreter von
Zaha Hadid Architects, UN Studio, Propeller Z und LAB[au] zu
Gast auf dem media-space. Beim media-space 04 sollen vornehmlich
Projekte mit utopischem Potential vorgestellt werden (Weltausstellungen,
Olympiadörfer, touristische Orte wie z.B. The Palm in Dubai
aber auch große städtebauliche Projekte wie Potsdamer
Platz oder Stuttgart 21) und reflektiert werden. Das Künstlerpaar
Wiebke Grösch und Frank Metzger hat z.B. das Projekt „nach
Olympia“ in Form einer Installation und Publikation entwickelt,
das sich mit den Olympiadörfern in Berlin, Grenoble, Innsbruck
Lillehammer, München, Oslo, Rom, Seoul, Sydney beschäftigt.
Die Arbeit wurde u.a. 2000 in der Galerie im Taxipalais und
2003 in der Kunsthalle Bremen ausgestellt. Grösch und Wiebke
werden beim media-space ihre Arbeit vorstellen und über
ihre Recherche sprechen. In diesem Kontext stellt die Stuttgarter
Fotografin und Künstlerin Katja Dell, z.Zt. Teilnehmerin
an der Esslinger Foto-Triennale, ihr Disneyprojekt vor, indem
sie anhand von Fotografien Themenkomplexe wie „Disneyland
als Nicht-Ort, als künstliches Refugium und als kulturellen
Allesfresser“ vorstellt. Ihre Aufnahmen entstanden in
den Disneylands Los Angeles, Paris und Tokio.
Aus
der Region Stuttgart wird Karlheinz (Carlo) Weber vom Büro
Auer + Weber über Umnutzung, Revitalisierung und größere
städtebauliche Projekte sprechen. Das Büro Auer +
Weber hat sich u.a. neben der architektonischen Planung für
die Stuttgarter Olympiabewerbung, der Revitalisierung des Zeppelin
und Kronen-Carrés sowie durch den
nicht realisierten deutschen Pavillon auf der Weltausstellung
in Sevilla als eines der wichtigsten Architekturbüros Deutschlands
profiliert.
Von
Kunst am Bau zu Medien im Bau
Der etwas in die Jahre gekommene Begriff von „Kunst am
Bau“ und „Kunst im öffentlichen Raum“
soll auf dem media-space 04 revitalisiert werden. Künstler
wie der Mexikaner Rafael
Lozano-Hemmer oder der Niederländer Jaap
de Jonge entwickeln eine zeitgemäße, mediengestützte,
partizpative Version von „Kunst am Bau“. Sie werden
ihre Arbeiten mit dem Publikum des media-space diskutieren und
danach fragen, ob es einen Paradigmenwechsel öffentlicher
Kunst gibt, die stärker auf soziale und mediale, aber auch
demographische Determinanten eingeht, wie dies z.B. bei der
Konferenz „Colonising Space“ in Riga im Juni 2004
der Fall war. Tim und Jan Edler, die bereits mehrfach beim Stuttgarter
Filmwinter mit Vorträgen und Installationen zu Gast waren,
wurden angefragt, ihr Projekt der Medienintegration im Kunsthaus
Graz, eine Blobarchitektur von Archigramm, vorzustellen. Mit
teilweise sehr einfachen Mitteln, aber großer Komplexität
haben sie neue Bespielungsformen einer architektonischen Außenhaut
erreicht. Im Kunsthaus Graz verbindet sich eine „Architektur
des Spektakels“ mit Low Budget-Ideen...

Stan
VanDerBeek – Utopist des Expanded Cinema
Begleitend zum Vortragsprogramm zeigt Wand 5 eine Werkschau
des 1984 verstorbenen amerikanischen Film- und Medienkünstlers
Stan VanDerBeek. VanDerBeek begann Mitte der 1950er Jahre seine
Karriere mit experimentellen Collagefilmen im Stile von Max
Ernst, die jedoch auch stark vom expressiven Gestus der Beat
Generation geprägt und oft politische Satiren waren. Terry
Gilliam von Monthy Python bezeichnet VanDerBeeks experimentellen
Animationen als seine früheste Inspirationsquelle. VanDerBeek
studierte am berühmten Black Mountain College. In den 60er
Jahren entwickelte VanDerBeek seine Arbeit in Richtung Expanded
Cinema weiter und war einer der bedeutendsten Vertreter dieser
heterogenen Bewegung, die bis heute die Medienkunst nachhaltig
beeinflußt. In seinen Expanded Cinema-Projekten arbeitete
er u.a. mit Künstlern wie Claes Oldenburg und Allen Kaprow
zusammen sowie mit VertreterInnen des Modern Dance wie Merce
Cunningham und Yvonne Rainer. In dieser Zeit konstruierte er
sein Movie-Drome Theater in Stony Point, New York, für
das er Shows mit Mehrfachprojektionen entwickelte. Sein utopisches
Verlangen Technik, Wahrnehmungserweiterung und Demokratisierung
der Medien zu verbinden, führte ihn zur Zusammenarbeit
mit Ken Kwolton in den Bell Telephone Labors, wo er Ende der
60er Jahre computeranimierte Filme und Experimente mit Holographie
entwickelte. Außerdem erforschte er neue Möglichkeiten
der Präsentationen – angefangen von den Steamprojections
am Guggenheim Museum bis zur interaktiven Fernsehübertragung
seiner „Violence Sonata“ auf mehreren Kanälen
im Jahr 1970. Die Werkschau setzt einen Schwerpunkt auf die
Arbeiten von VanDerBeek, die sich mit der Verräumlichung
des Films und der Medien sowie neue Formen der Präsentation
auseinandersetzen. Maxa Zoller, die u.a. an der Konzeption der
Ausstellung „X-Screen – Filmische Installation und
Aktionen der Sechziger und Siebziger Jahre“ am MUMOK Wien
beteiligt war, wird in das Werk dieses faszinierenden und vielseitigen
Künstlers einführen.
Phill
Niblock – Minimal sound-spaces
Im Musikprogramm des media-space 04 wird u.a. der New Yorker
Multimedia-Künstler Phill Niblock auftreten, der seit den
60er Jahren mit Musik, Film, Photografie, Video und Computern
arbeitet. Inspiriert vom Umfeld von John Cage und La Monte Young
und bildenden Künstlern wie Rothko, Judd und Andre gehört
Niblock zu den führenden Vertretern der amerikanischen
Minimal Art. Er hat die internationale Musikszene nachhaltig
geprägt und u.a. mit Musikern aus dem Avantgarde-Rock-Bereich
wie Jim O’Rourke, Lee Ranaldo (Sonic Youth) oder Susan
Stenger (Band of Susans) zusammengearbeitet. Niblock verwendet
in seiner Musik dichte, statische Klangflächen, sog. „Drones“.
Dabei stehen weniger die von ihm aufgenommen Instrumental- und
Vokalfarben als die Schwebungen, die aus den Schwingungsverhältnissen
der mikrotonal geschichteten Klänge resultieren. Bei Aufführungen
wachsen diese Schwebungen durch die Raumakustik und in Kombination
mit dem Live-Spiel zu komplexen, sich stetig verändernden
Spektren aus Interferenzen, Differenz- und Summationstönen
aus. Niblocks Filme stehen auf den ersten Blick nicht in Beziehung
zu seinen Filmen. Sie porträtieren oft menschliche Arbeit
in ihrer ursprünglichen Form: Sie zeigen Menschen beim
Säen, Ernten oder Fischen. Sowohl seine Filme als auch
seine Musik entfalten jedoch Bewegung, die sich nur äußerst
langsam vollzieht und gleichzeitig das Gefühl von Fortschritt
und Stillstand hervorruft.