REBEL:ART
   

 

MORE INFORMATION

media-space 04

22 - 24. Oktober 04
Stuttgart, Ex-Ikea
Kronenstr. 36

jpg_ unten
Rafael Lozano-Hemmer, Body Movies, Relational Arcitecture

jpg_ oben
Tim und Jan Edler, Licht- und Medieninstallation, Kunsthaus Graz

OTHER REVIEWS

DJ Dangermouse
MEMEFEST 04

WOS 03 & Public Library
PANOS

 

media-space 04

Medien im Raum / Raum in Medien, 22 - 24. Oktober 04, Stuttgart, Ex-Ikea

 

Der gemeinnützige Verein Wand 5, u.a. Organisator des Stuttgarter Filmwinters, veranstaltet nunmehr zum vierten Mal das Vortrags- und Präsentationsforum media-space, das sich mit der Beziehung zwischen Medien und Raum, Informationstechnologie und Architektur auseinandersetzt. Im Zentrum der Überlegungen steht jedoch nicht allein die technische Seite dieser zunehmend enger werdenden Verbindung, sondern vor allem künstlerische und gesellschaftliche Fragestellungen. Der media-space richtet sich an all jene, die sich mit Fragen der Raumproduktion und -wahrnehmung auseinandersetzen – angefangen von Architekten, Künstlern und Mediendesignern bis zu Szenographen und Filmemachern –, aber auch an kultur- und technologieinteressierte Bürger, die den Weg der Mediatisierung und Digitalisierung unserer Lebenswelten kritisch und aufgeschlossen begleiten wollen.

Durch digitale Techniken und Robotik, Virtual Reality und Mixed Reality werden unsere Wahrnehmungsgewohnheiten im urbanen Raum zunehmend determiniert. Mobile Endgeräte sind nicht nur Kommunikationsapparate, sondern navigieren uns durch den Stadtraum und machen uns gleichzeitig allgegenwärtig und lokalisierbar. Auch die Produktion von Architektur und Raum hat sich durch Software in den letzten zehn Jahr enorm gewandelt. Das Berufsbild des Architekten und des Designers transformiert sich zunehmend zum Medienproduzenten, der (Informations-)Räume visualisiert. Beim media-space werden diese Themen und viele analoge Themen angesprochen, z.B. wie sieht das mediatisierte Museum der Zukunft aus? Wie sieht das Verhältnis von Körper, Medien und Raum aus? Wie können Medien sinnvoll im klassischen Bühnenraum des Theaters eingesetzt werden?

Beim kommenden media-space werden die Möglichkeiten visionären Bauens neu diskutiert. Zwischen den großen architektonischen und urbanen Konzepten, z.B. Weltausstellungen, Stadtplanungsszenarien, und den Mikroutopien, die aus teilweise zufällig entstehenden Freiräumen entstehen, scheint eine große Kluft zu bestehen. Der media-space 2004 versucht in Vorträgen, Workshops und Präsentationen Verbindungslinien zwischen den großen Entwürfen und den kleinen, eher organisch entstehenden Aktivitäten herzustellen. Mikroutopien, Umnutzungen und Verschiebungen im urbanen Raum. Neue urbane Herausforderungen, z.B. das Schrumpfen der Städte in Ostdeutschland, verlangen neue Überlegungen.

Im Zeitalter der knappen Kassen stellt sich zunehmend die Frage, wie mit wenigen Mitteln Städte oder Regionen belebt werden können? Die Dokumenta-Teilnehmer Park Fiction, aber auch der albanische Künstler Anri Sala, die ein Projekt des Künstlers und Bürgermeisters von Tirana Edi Rama dokumentiert hat, sind gute Beispiele wie mit Eigeninitiative Veränderung und Verbesserung von Lebensqualität erreicht werden kann. Oftmals stehen bei diesen Projekten der aktive und kommunikative Aspekte im Vordergrund. In diesem Zusammenhang ist zumeist Teamwork und interdisziplinäres Arbeiten gefragt, wie beim EU-Forschungsprojekt „Urban Catalysts“, das sich mit der Zwischennutzung von Gebäuden und Geländen auseinandersetzt. Ein Team aus Architekten, Stadtplanern, Vertretern kommunaler Verwaltungen, Juristen, Ökonomen, Soziologen und Künstlern untersuchte in Amsterdam, Berlin, Helsinki, Neapel und Wien Entstehungsursachen, Bedeutung und Potentiale von Zwischennutzungen in urbanen Transformationsprozessen. Ziel war auch, konkrete Handlungsmodelle und strategische Werkzeuge für die unterschiedlichsten Akteure zu entwickeln …

Im Rahmen dieses Themenkomplexes realisiert Wand 5 / Benjamin Fischer eine Onlineplattform und ­datenbank für leerstehende Immobilien bzw. Architekturleichen. Bürger, Architekturinteressierte, Interessenten an leerstehenden Immobilien, z.B. Clubbetreiber, Künstler, Filmemacher etc., können mit Hilfe der Datenbank leerstehende Gebäude ausfindig machen bzw. selbstständig Informationen (Bilder, Beschreibung der Immobilie, Nutzungsart etc.) auf die Datenbank hochladen.

Visionen, Fiktionen und große Inszenierungen zwischen Scheitern und Realisierung
Aber auch visionäre Architekturmodelle und -entwürfe sowie konkrete Umsetzungen werden von Architekten und Planern vorgestellt. In den letzten Jahren waren u.a. Vertreter von Zaha Hadid Architects, UN Studio, Propeller Z und LAB[au] zu Gast auf dem media-space. Beim media-space 04 sollen vornehmlich Projekte mit utopischem Potential vorgestellt werden (Weltausstellungen, Olympiadörfer, touristische Orte wie z.B. The Palm in Dubai aber auch große städtebauliche Projekte wie Potsdamer Platz oder Stuttgart 21) und reflektiert werden. Das Künstlerpaar Wiebke Grösch und Frank Metzger hat z.B. das Projekt „nach Olympia“ in Form einer Installation und Publikation entwickelt, das sich mit den Olympiadörfern in Berlin, Grenoble, Innsbruck Lillehammer, München, Oslo, Rom, Seoul, Sydney beschäftigt. Die Arbeit wurde u.a. 2000 in der Galerie im Taxipalais und 2003 in der Kunsthalle Bremen ausgestellt. Grösch und Wiebke werden beim media-space ihre Arbeit vorstellen und über ihre Recherche sprechen. In diesem Kontext stellt die Stuttgarter Fotografin und Künstlerin Katja Dell, z.Zt. Teilnehmerin an der Esslinger Foto-Triennale, ihr Disneyprojekt vor, indem sie anhand von Fotografien Themenkomplexe wie „Disneyland als Nicht-Ort, als künstliches Refugium und als kulturellen Allesfresser“ vorstellt. Ihre Aufnahmen entstanden in den Disneylands Los Angeles, Paris und Tokio.

Aus der Region Stuttgart wird Karlheinz (Carlo) Weber vom Büro Auer + Weber über Umnutzung, Revitalisierung und größere städtebauliche Projekte sprechen. Das Büro Auer + Weber hat sich u.a. neben der architektonischen Planung für die Stuttgarter Olympiabewerbung, der Revitalisierung des Zeppelin und Kronen-Carrés sowie durch den
nicht realisierten deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Sevilla als eines der wichtigsten Architekturbüros Deutschlands profiliert.

Von Kunst am Bau zu Medien im Bau
Der etwas in die Jahre gekommene Begriff von „Kunst am Bau“ und „Kunst im öffentlichen Raum“ soll auf dem media-space 04 revitalisiert werden. Künstler wie der Mexikaner Rafael Lozano-Hemmer oder der Niederländer Jaap de Jonge entwickeln eine zeitgemäße, mediengestützte, partizpative Version von „Kunst am Bau“. Sie werden ihre Arbeiten mit dem Publikum des media-space diskutieren und danach fragen, ob es einen Paradigmenwechsel öffentlicher Kunst gibt, die stärker auf soziale und mediale, aber auch demographische Determinanten eingeht, wie dies z.B. bei der Konferenz „Colonising Space“ in Riga im Juni 2004 der Fall war. Tim und Jan Edler, die bereits mehrfach beim Stuttgarter Filmwinter mit Vorträgen und Installationen zu Gast waren, wurden angefragt, ihr Projekt der Medienintegration im Kunsthaus Graz, eine Blobarchitektur von Archigramm, vorzustellen. Mit teilweise sehr einfachen Mitteln, aber großer Komplexität haben sie neue Bespielungsformen einer architektonischen Außenhaut erreicht. Im Kunsthaus Graz verbindet sich eine „Architektur des Spektakels“ mit Low Budget-Ideen...

Stan VanDerBeek – Utopist des Expanded Cinema
Begleitend zum Vortragsprogramm zeigt Wand 5 eine Werkschau des 1984 verstorbenen amerikanischen Film- und Medienkünstlers Stan VanDerBeek. VanDerBeek begann Mitte der 1950er Jahre seine Karriere mit experimentellen Collagefilmen im Stile von Max Ernst, die jedoch auch stark vom expressiven Gestus der Beat Generation geprägt und oft politische Satiren waren. Terry Gilliam von Monthy Python bezeichnet VanDerBeeks experimentellen Animationen als seine früheste Inspirationsquelle. VanDerBeek studierte am berühmten Black Mountain College. In den 60er Jahren entwickelte VanDerBeek seine Arbeit in Richtung Expanded Cinema weiter und war einer der bedeutendsten Vertreter dieser heterogenen Bewegung, die bis heute die Medienkunst nachhaltig beeinflußt. In seinen Expanded Cinema-Projekten arbeitete er u.a. mit Künstlern wie Claes Oldenburg und Allen Kaprow zusammen sowie mit VertreterInnen des Modern Dance wie Merce Cunningham und Yvonne Rainer. In dieser Zeit konstruierte er sein Movie-Drome Theater in Stony Point, New York, für das er Shows mit Mehrfachprojektionen entwickelte. Sein utopisches Verlangen Technik, Wahrnehmungserweiterung und Demokratisierung der Medien zu verbinden, führte ihn zur Zusammenarbeit mit Ken Kwolton in den Bell Telephone Labors, wo er Ende der 60er Jahre computeranimierte Filme und Experimente mit Holographie entwickelte. Außerdem erforschte er neue Möglichkeiten der Präsentationen – angefangen von den Steamprojections am Guggenheim Museum bis zur interaktiven Fernsehübertragung seiner „Violence Sonata“ auf mehreren Kanälen im Jahr 1970. Die Werkschau setzt einen Schwerpunkt auf die Arbeiten von VanDerBeek, die sich mit der Verräumlichung des Films und der Medien sowie neue Formen der Präsentation auseinandersetzen. Maxa Zoller, die u.a. an der Konzeption der Ausstellung „X-Screen – Filmische Installation und Aktionen der Sechziger und Siebziger Jahre“ am MUMOK Wien beteiligt war, wird in das Werk dieses faszinierenden und vielseitigen Künstlers einführen.

Phill Niblock – Minimal sound-spaces
Im Musikprogramm des media-space 04 wird u.a. der New Yorker Multimedia-Künstler Phill Niblock auftreten, der seit den 60er Jahren mit Musik, Film, Photografie, Video und Computern arbeitet. Inspiriert vom Umfeld von John Cage und La Monte Young und bildenden Künstlern wie Rothko, Judd und Andre gehört Niblock zu den führenden Vertretern der amerikanischen Minimal Art. Er hat die internationale Musikszene nachhaltig geprägt und u.a. mit Musikern aus dem Avantgarde-Rock-Bereich wie Jim O’Rourke, Lee Ranaldo (Sonic Youth) oder Susan Stenger (Band of Susans) zusammengearbeitet. Niblock verwendet in seiner Musik dichte, statische Klangflächen, sog. „Drones“. Dabei stehen weniger die von ihm aufgenommen Instrumental- und Vokalfarben als die Schwebungen, die aus den Schwingungsverhältnissen der mikrotonal geschichteten Klänge resultieren. Bei Aufführungen wachsen diese Schwebungen durch die Raumakustik und in Kombination mit dem Live-Spiel zu komplexen, sich stetig verändernden Spektren aus Interferenzen, Differenz- und Summationstönen aus. Niblocks Filme stehen auf den ersten Blick nicht in Beziehung zu seinen Filmen. Sie porträtieren oft menschliche Arbeit in ihrer ursprünglichen Form: Sie zeigen Menschen beim Säen, Ernten oder Fischen. Sowohl seine Filme als auch seine Musik entfalten jedoch Bewegung, die sich nur äußerst langsam vollzieht und gleichzeitig das Gefühl von Fortschritt und Stillstand hervorruft.

 
     
 

copyleft | 2003-2004 rebel:art media foundation | impressum | site map