“The
thing to do is to take the bull by the tail and try to swing
him.” - Allan Kaprow
Wie
auch immer man darüber denken mag - ein Großteil
des gegenwärtigen kulturellen Widerstands findet in
den weltweiten Datennetzen statt. Dieser Widerstand lässt
sich in mindestens vier Bereiche aufgliedern: Hacker, die
sich Zugang zu Firmen- und Regierungsdaten verschaffen wollen,
Verfechter der so genannten Zivilgesellschaft, die einen
digitalen öffentlichen Raum herbeisehnen, Autorenkollektive
freier Computerprogramme, die durch ihre Tätigkeit
Softwareriesen in Erklärungsnöte bringen, und
schließlich Gruppen wie Greenpeace oder Amnesty International,
die umfangreiche Webseiten unterhalten und so ihre Aktivitäten
mit anderen Nichtregierungsorganisationen vernetzen. Manche
Kunst- und Kulturwissenschaftler haben solche Aktivismen
als Zeichen für das Herannahen einer digitalen Revolution
interpretiert. So schreibt beispielsweise der amerikanische
Kritiker Mark Poster, dass das Internet ehemalige Institutionen
der Kulturproduktion wie das Kino, das Fernsehen, oder die
Radiosender radikal auflöse und dezentralisiere. Aber
werden traditionelle Mechanismen der Kulturproduktion tatsächlich
durch das scheinbar offenere Internet verschoben? Gibt es
eine neue, radikale Netzpolitik? Oder sind solche Gedanken
Ausdruck eines Technopositivismus, der bisher auch die kleinsten
technischen Neuerungen begleitet hat?
Kulturkritiker
und Kuratoren haben die Hacker als besonders "widerstandsfähige"
soziale Gruppe ausgemacht. In ähnlicher Weise wie frühere
Subkulturen scheinen Hacker eine Rebellion gegen soziale
Ungerechtigkeit voranzutreiben, oder genauer gesagt, gegen
die Kommodifizierung von Wissen oder Information durch Geheimhaltung
als wichtigstem Bestandteil des gegenwärtigen, multinationalen
Kapitalismus. Eine solche Sichtweise idealisiert die Hackerkultur
jedoch zu einem Gewissen Grad: Anstatt die heterogenen und
widersprüchlichen Ansichten der verschiedenen Computerfreaks
zu betonen, die sich zur Hackerkultur zählen, konstruiert
eine solche Sichtweise Hacker als kohärente Jugendkultur
mit besonderen Wertvorstellungen und Riten. Schon ein Blick
auf den ersten Teil der Matrix-Trilogie als kulturelle Ware
des Mainstream zeigt jedoch, dass die Gleichung vom Hacker
als digitalem Revolutionär Probleme mit sich bringt:
Im Film führt der Hacker Neo (Keanu Reeves) eine regelrechte
Avantgarde an, die scheinbar willenlose Menschenmassen ins
Paradies nach dem Status Quo führen soll. Diese Ideologie
einer Hacker-Avantgarde wiederholt jedoch auf problematische
Weise eine frühere Ideologie des traditionellen Marxismus:
die kohärente, revolutionäre Klasse. Außerdem
steht die Arbeitsethik der Matrix-Hacker der ihrer scheinbar
entgegen gesetzten, pervertierten Firmenwelt um nichts nach:
Beide betonen „hohe Produktivität, unglaubliche
kreative Energie, und eine Obsession mit durchwachten Nächten
vor dem Rechner“, wie Andrew Ross schreibt. Solange
wir also Hacker als homogene (und zumeist männliche)
Helden der Arbeit betrachten, werden wir keinerlei wirkliches
Widerstandspotential finden. Sinnvoller ist es vielleicht,
den Begriff des Hackens auszudehnen auf jedes Herumwerkeln
mit Technik im Alltag, also auf „alle High-Tech-Arbeiter,
ganz egal wie amateurhaft, die den sanften Fluss der Unternehmenskommunikation
unterbrechen und umleiten können“. Im Bezug auf
eine Politik des Netzes wird Hacken dann zu einem pragmatischen,
amateurhaften Aktivismus—einer alltäglichen politischen
Praxis, die gegen männliche Fantasien der Kontrolle
über Maschinen und gegen Heldenmythen gerichtet ist.
Ideologen
der Zivilgesellschaft und Datenschützer (im US-amerikanischen
Kontext etwa die Electronic Frontier Foundation) konstruieren
den Raum für ein solches Alltagshacken als freien öffentlichen
Raum, als „eine freie Welt, die jeder ohne Privilegien
oder als Opfer von Vorurteilen aufgrund von Rasse, Kaufkraft
oder sozialem Status betreten kann“ [4]. Auf eine
ganz ähnliche, offenbar binäre Weise reden Programmierer
freier Software von offenem und geschlossenen Code. So vergleicht
der Computeraktivist Oxblood Ruffin so genannte proprietäre
Software wie etwa das Microsoft Windows-Betriebssystem mit
dem „Leben in einer autoritären Gesellschaft
im Gegensatz zu einer freien Welt“. Solche monolithischen
Vorstellungen von letztendlicher Gemeinschaft und Freiheit
im digitalen Raum unterscheiden sich wenig von "Zion",
dem Paradies aus dem Film Matrix. Als Hintergrund für
ein Alltagshacken eignet sich jedoch vielmehr ein flüssiger,
offener Freiheitsbegriff, der ständig neu definiert
wird. Eine solches Verständnis von öffentlichem
Raum würde Formen elektronischen Ungehorsams einschließen
wie etwa eine Sekretärin, die ihre privaten E-Mails
am Arbeitsplatz abruft, oder ein Mitglied von Greenpeace,
dass durch einen Link auf der www.greenpeace.org-Website
auf eine andere Organisation aufmerksam wird. Vielleicht
wäre es daher sinnvoll, der Sarai Initiative aus Delhi
zu folgen, die für ihr Medialab die folgende Definition
des Begriffs "sarai" verwendet: „ein sarai
ist ein abgegrenzter Raum, in dem Reisende und Karawanen
Schutz finden, um im Kreise Gleichgesinnter wieder zu Kräften
zu kommen“. Ein Sarai ist demnach ein öffentlicher
Raum, der sich stets im Werden befindet, und der so als
Hintergrund für unsere "taktische Medien"
(Geert Lovink) herhalten kann - kleine, schmutzige Aktivismen,
die amateurhafte Praxis, technisches Wissen und akademischen
Diskurs vereinen.
Wie
wir also sehen, sollte sich Netzaktivismus jenseits von
etablierten Kategorien wie Klasse, Widerstand, oder Subkultur
bewegen, um wieder zu einem brauchbaren Begriff zu werden.
Es wäre allerdings falsch, sich eine Netzwerkutopie
2.0 auszudenken, wie Lovink schreibt - wir sollten nicht
den Fehler mancher Kulturkritiker begehen und Mikro-Bewegungen
(wie etwa Internetradios) zur eigentlichen Netzpraxis ausrufen,
nachdem Hacker oder Datenschützer unserem politischen
Anspruch nicht gerecht geworden sind. Andererseits sollten
wir solche Mikroaktivismen auch nicht aus Verlegenheit dem
Kunstbegriff unterordnen, wie es einige Kuratoren getan
haben [8]. Beide Reflexe können nämlich letztlich
als Ergebnis einer tiefer liegenden Problematik unserer
Zeit interpretiert werden, die Guy Debord das Spektakel
genannt hat. Obwohl dieses Konzept (zumeist von eben jenen
Kuratoren und Kulturkritikern) heute oft nur noch ironisch
verwendet wird, kann man es vielleicht für Netzdiskurse
fruchtbar machen: Wenn das Spektakel die Ware als sich-selbst-fortsetzendes
System bezeichnet, oder die Summe unseren sozialen Beziehungen
als Bild, die nur als solches erfahrbar sind, findet das
Spektakel seinen idealen Ort offenbar in der digitalen Welt.
Denn das Spektakel zielt letztendlich auf eine Vorwegnahme
von Wahlmöglichkeiten ab: die Dominanz des Mircosoft-Betriebssystems
und von AOL Time Warner, das AOL-Netzzugänge und viele
scheinbar unabhängige, populäre Programme kontrolliert,
sind hier gute Beispiele.
Reduktionistische
Ideologien der Freiheit und des Widerstands sind so gesehen
also schlicht ein Fraktal des Spektakels in einer anderen
Umgebung. In der Folge von Debord können wir im Bezug
auf das Internet vielleicht von einem 'situationistischen
Aktivismus’ reden, der radikal kontextabhängig
und pragmatisch ist. Eine Politik des Netzes wäre dann
ein schlüpfriger, offener Begriff, der sich eher an
Bricolage, Amateurismen, oder Basteleien anlehnt als dass
er monolithische Vorstellungen von ‚Widerstand’
wiederholt. Durch eine solche Sicht der Dinge werden wir
einerseits misstrauischer gegenüber dem ständigen
Impuls der Kulturkritik, kritische Bewegungen in Schubladen
zu packen, und andererseits ersetzen wir die so genannte
postmoderne Ironie, die mit der Aufgabe eines politischen
Projekts einhergeht, durch einem optimistischeren Ausblick
der politischen Möglichkeiten. Unsere Schlussfolgerung
mag weit hergeholt klingen: Wenn das Netz die Hauptschlagader
des globalen Kapitalismus ist und damit der Ort, an dem
Wahlmöglichkeiten in einer enormen Schnelligkeit verbaut
werden, sollte aktivistische Praxis das Netz vielleicht
ganz außen vorlassen. Anstatt immer neue Netzaktivismen
zu entwickeln, sollten wir vielleicht die ständige
Weiterverbreitung des Netzes aufhalten, damit wir endlich
ein paar Sekunden für das Nachdenken über die
eigentlichen Probleme gewinnen können.