Wer
in die MoMA-Ausstellung gehen möchte, muß neben dem
stundenlangen Warten einplanen, nicht zu knapp Eintritt bezahlen
zu müssen. Doch zeitgenössische Kunst ist auch kostengünstiger
und ohne langes Warten zu besichtigen, und zwar überall
in der Stadt. „Street Art" ist das Stichwort, das
die vielfältigen Sticker, Poster, Stencils und Graffitis
bezeichnet, die sich derzeit in ganz Berlin ausbreiten. Zumeist
in den östlichen Innenstadtbezirken und in Kreuzberg, aber
zunehmend auch darüber hinaus nimmt sich die neue urbane
Kunstform ihren Platz in der Hauptstadt. Durchweg werden strategische
Plätze im öffentlichen Raum besetzt und das Medium
einfallsreich dem entsprechenden Ort angepaßt. So haften
zum Beispiel an Straßenlaternen oder Verkehrsschildern
unzählige Sticker, die ihrem eigentlichen Bestimmungszweck
als Paketaufkleber entzogen und zu neuen Kommunikationsmitteln
umgestaltet wurden. Diese künstlerische Intervention in
den Alltag verdrängt sogar zum Teil die häufigen Tags.
Doch die Sticker sind nicht die einzige Kunstform der unpolitischen
aber auch politischen „Urban Artists".
Von
Fäusten, Sechsen und Birds
Street
Art ist in Berlin endgültig angekommen seit der Ausstellung
über internationale Street Art letztes Jahr im Bethanien.
Damals waren aus aller Welt Aktivisten dieser Kunstrichtung
hierher gekommen und zeigten über die Ausstellung hinaus
überall in der Stadt täglich neue Kunstwerke. Die
Entwicklung hält seitdem an.
Die
ersten Projekte in diese Richtung brachten Teile der lokalen
Graffitiszene bereits Ende der neunziger Jahre hervor. Die Birds/Vögel
waren, hauptsächlich im Ostteil der Stadt, die ersten Boten
einer neuen Generation von Urban Artists, die über die
üblichen Formen hinausgingen. Die damals noch recht schlicht
gestalteten Vögel tauchten, schwarz und silbern gesprüht,
an vielen Wänden auf und sind teilweise noch heute im Stadtbild
zu sehen. Das seinerzeit neue und ungewöhnliche für
die Graffiti-Szene war die komplette Abkehr von Buchstaben und
die Hinwendung zu einer praktischen Auseinandersetzung, mit
dem Anspruch, mehr zu machen als pubertäre Reviermarkierungen.
Es
folgten Cats/Katzen, die die Birds zu fressen versuchten; der
Sechsen-Maler geht schon seit zehn Jahren den ganzen Tag mit
Farbe und Pinsel durch die Innenstadt und malt allerorten seine
Sechsen. Genauso wie bei den Birds sind die Geheimnisse seines
Erfolges die massive Verbreitung in der Stadt und daß
es immer wieder überrascht, wo sie zu finden sind.
Bald
tauchten meist zweifarbige Fäuste im Stadtbild auf. Diese
werden bis heute überall in unterschiedlichen Formen mittels
Sprühdose angebracht. Ob entlang der S-Bahn-Strecke zwischen
den Bahnhöfen, an Häuserwänden oder stillgelegten
Bauwagen. Durch ihre Optik und die leuchtenden Farben fallen
sie in erster Linie auf, politisch wirken sie eher unterschwellig.
Dies ist auch so gewollt. Die Subversion durch konkrete Aneignung
von öffentlichem Raum und einer attraktiven Optik hat funktioniert:
Die Fäuste sind jenseits einer kleinen Szene bekannt, vielen
Berlinern sind sie ein Begriff.
Cowboys
Crew
Urheber
der Fäuste ist die 1995 gegründete Cowboys Crew, auch
CBS genannt. Sie ist die wohl bekannteste und ausgefallenste
Urban-Artists-Gruppe in Berlin, und das nicht nur wegen der
Fäuste. Ihre Palette an Kommunikationsmitteln reicht von
selbstgedruckten Aufklebern, Plakaten und Graffitis bis hin
zu Wandbildern oder konkreten Aneignungsakten wie vor zwei Monaten
auf dem U-Bhf Alexanderplatz, wo eine Kunsttafel ausgetauscht
wurde (s. scheinschlag 2/04). Diese Aktion und der damit verbundene
Protest gegen einen Kongreß der Werbewirtschaft ist rebel:art,
die Schnittstelle zwischen Kultur oder Kunst und Aktivismus.
Jene rebellische Kunst, die sich gerne Subversion nennt, ist
lange nicht mehr so kontinuierlich und kreativ umgesetzt worden
wie von CBS in den letzten Jahren. Sie haben der Stadt erfolgreich
ihren Stempel aufgedrückt und dem rebellischen Potential
eine neue Ausdrucksform beschert. Daß die Finger, wenn
man sie zusammenschließt, zu einer Faust werden, ist lange
bekannt, doch noch nie wurde es so schön in der ganzen
Stadt kommuniziert. Die Aktivisten von CBS kommen aus der radikalen
Sprüherszene, dem Teil, der auch über den eigenen
Tellerrand hinaussieht. Sie sind jung, ungestüm und meist
nicht an übermäßigem kommerziellen Erfolg interessiert.
Sie haben die Verbindung zwischen Kunst, Widerstand und Kultur
natürlich geknüpft, um sich selbst darzustellen. Aber
eben auch, um als „Kopfknacker" zu wirken. Sie basteln
kleine Gehirnbomben für ihre Umwelt und wollen dabei auch
registriert werden. Dazu muß die halbe Stadt mit den eigenen
Codes eingedeckt werden, logisch.
Längere
Kampagnen sind nichts Außergewöhnliches bei der Cowboys-Crew.
So nimmt CBS immer wieder die offenkundige Farce des Parlamentarismus
in diesem Lande aufs Korn. Immer aufs neue zu den jeweiligen
Wahlen tauchen sie auf: Plakate und Aufkleber, die dazu auffordern,
CBS zu wählen. Das ist zwar Kritik ohne Lösungsvorschlag,
gerichtet an Menschen, die meist genauso denken, aber wenigstens
ist es engagiert und besser als jedes Plakat irgendeiner der
zur Wahl stehenden Parteien. Die Visualität der CBS-Wahlkampagnen
ist bei weitem origineller als das, was in den Werbeagenturen
für die Parteien produziert wird.
rebel:art
radikale Kommunikation?
Der
öffentliche Raum ist mehr als die Shopping Mall, die öffentlichen
Verkehrsmittel oder der Bahnhofsvorplatz. Etwas, das vielen
zugänglich ist sei es das Internet, das Schwimmbad,
sogar die Wahlkabine ist Teil der Öffentlichkeit,
des öffentlichen Raums. Widerstand, Sabotage und Aneignung
kann hier überall organisiert und einem breiten Publikum
vermittelt werden. Demonstrationen sind ein Mittel, doch ein
sehr beschränktes. Wie wäre es, wenn bei den nächsten
Wahlen in allen Wahlkabinen Aufkleber von CBS kleben würden?
Oder wenn man die Kandidaten auf seinem Wahlzettel durch den
Namen CBS ergänzen und sich zu einer persönlichen
Liebeserklärung an die Cowboys entscheiden würde statt
zur parlamentarischen Wahl.
Der
öffentliche Raum, den die Situationisten ebenso wie viele
andere linke Subkulturen als sozio-politisches Aktionsfeld und
als Milieu zur Rückeroberung der Subjektivität verstanden,
ist heute oft Gegenstand von Kunst- oder Designprojekten. Doch
es gibt wesentliche Unterschiede etwa zwischen dem Sechsen-Maler
und der CBS-Crew. Während sich beide gezielt öffentlichen
Raum aneignen, bleibt der Sechsen-Maler unpolitisch. Er macht
einfach Kunst, nicht mehr, aber auch nicht weniger. CBS dagegen
visualisiert mit seiner „Art" immer wieder politische
Symbole im öffentlichen Raum und regt damit Menschen zum
Denken an. Während die politischen Interventionen mittels
Innenstadtaktionen und -kampagnen Mitte der neunziger Jahre
schon lange verebbt sind, kann die derzeitige positive Entwicklung
der Urban Art ein kleiner Hoffnungsschimmer für die Zukunft
sein. Es ist die kreativste und praktischste Form von Aneignung
innerhalb der derzeitigen Phase des Kapitalismus und kann wichtige
Impulse in die undogmatische Linke ausstrahlen. „Die Stadt
gehört uns", meinte schon Ende der neunziger Jahre
nicht Hausbesetzungen, sondern die Aneignung des gesamten sozio-kulturellen
Komplexes Stadt, und die unzähligen grauen Wände gehören
nun mal auch dazu.
Gerade
unter der Voraussetzung, daß sich mit der Visualisierung
der Warenwelt die Erzeugung von Werten zunehmend in ihrer Rezeption
vollzieht, besteht die Chance für politische Street Art,
die Wertschöpfungsmechanismen zwar nicht auf Dauer zu durchbrechen,
aber doch für eigene Zwecke umzufunktionieren. Im Idealfall
wird die hegemoniale Bedeutungsproduktion sabotiert, und es
entstehen kurzfristig Territorien der divergenten Erzeugung
symbolischer Gebrauchswerte.
Für
diejenigen, für die das alles viel zu politologisch ist,
bleibt ein anderes, knapperes Fazit: Der aufmerksame Gang durch
die Straßen von Berlin ersetzt zwar nicht den Besuch des
MoMA, verschafft aber mindestens genausoviel Genuß und
Muße. Und natürlich ist er umsonst!