Culture
Jamming ist die künstlerische Strategie des zivilen Ungehorsams:
Fakes, Adbusting und Semiotic Sniping sind die neuen Subversionsstrategien
im Reich der Zeichen und im Kampf um die Rückeroberung
des öffentlichen Raumes.
Ich
wuchs in den 1980er Jahren auf und brach die Schule ab. Auf
der Suche nach einer politischen und kulturellen Identität,
die mir weder die erfolgssüchtigen Eltern meiner Kumpel
noch meine Mutter boten, ließ ich die kleinbürgerliche
Vergangenheit hinter mir. Wer ein Hipster sein wollte, trug
Marc’o Polo-Sweat-Shirts, Fruit of the Loom-T-Shirts,
Boss-Hosen, Burlington-Socken und Timberland-Treter. Das minimalistisch-oberflächliche
Design der Baumwollpullis und das hysterisch-karierte Design
der Kunststoffsocken unterstrichen die aufgestaute Aggression
der Mama-Papa-Generation, die sich in Straßencafés
und auf öffentlichen Plätzen niederließ. Der
öffentliche Raum war ein Schaufenster, das den Blick in
die verlogene Privatsphäre zuließ. Was aus meiner
Generation wurde, wissen wir: ein auf Logos und Symbole reduziertes
Abziehbild für Klamotten, Meinungen und Haltungen.
Der
öffentliche Raum, den die Situationisten ebenso wie die
Punks als sozio-politisches Aktionsfeld und als Lebensraum zur
Rückeroberung der Subjektivität verstanden, entwickelte
sich im Millennium zu einer gigantischen Shopping Mall für
jedes noch so bizarre Bedürfnis. Es gibt praktisch keine
Logo-freie Fläche mehr im Stadtraum. Die Warenwelt ist
Naturzustand geworden. Und das, was wir gemeinhin unter Natur
verstehen – grüne Bäume, saubere Flüsse
oder Baggerseen – wurde zu einem Erzeugnis der Freizeit-
und Dienstleistungsindustrie. Unsere visuelle Kultur ist bis
ins kleinste Detail und bis in die letzte Ecke Privatleben kolonialisiert,
von Kommerz und falschen Versprechen durchdrungen, vollgespamt
mit Infotainment, Botschaften, Slogans und Symbolen, die kein
Sterblicher zu einem Gesamtbild mehr zusammenfügen kann.
Die
Herrschaft des Symbolischen
Der Kapitalismus hat sich zu einem System entwickelt, das die
Produktion von Zeichen und Bedeutungen extrem beschleunigt.
Mit Zeichen sind Bedeutungsträger gemeint, die kulturell-ökonomischen
Wert annehmen können. Nicht mehr die materiellen Produktionsverhältnisse,
die bei Karl Marx im Mittelpunkt der ökonomischen Kritik
standen, stellen das primäre Medium politisch-ökonomischer
Hegemonie dar. Angesichts einer exorbitanten Produktion von
Zeichen und Bedeutungen, hinter der die Unterscheidung zwischen
politischen, ökonomischen und kulturellen Sphären
verschwindet, scheint die Frage wichtig, nach welcher Logik
diese Produktion funktioniert. Ausgehend von einer Kritik der
marxistischen Werttheorie soll hier beschrieben werden, wie
der Kapitalismus Signifikationspraktiken perpetuiert, mit dem
Effekt, dass die Produktion von Zeichen und ihre Besetzung mit
Bedeutungen zu einer zentralen Wertschöpfungspraktik des
Millenniums geworden ist. Auch soll gefragt werden, welchen
Widerstand man ihr entgegen setzen kann. (2)
Unsere Erfahrungswirklichkeit besteht in zunehmendem Maße
aus Zeichen, die in Folge der kapitalistischen Logik mit Bedeutungen
und Werten versehen werden. Mit Erfahrungswirklichkeit ist die
Realität gemeint, mit der sich ein Subjekt auseinandersetzt,
an der es sich reibt und in der es handelt, aus der heraus sich
seine Projektionen, Ängste und Erwartungen ableiten und
anhand welcher sich Subjekte spiegeln, selbst erkennen oder
entwerfen. Der in einer kapitalistischen Produktionslogik geschaffene
„hyperreale“ Zeichenkosmos steht nicht mehr kausal
mit der konkreten Realität in Verbindung. Der Verlust der
„irdischen“ Referenz der Zeichen ist ein zentraler
Punkt in der Kritik des Kapitalismus als Zeichenmaschine und
des Wandels der Herrschaftsausübung über das Symbolische.
Mit der zunehmenden Zeichenhaftigkeit, Immaterialität und
Virtualität der Waren im fortgeschrittenen Kapitalismus
hat sich die Vorstellung von einer „hausbackenen Naturalform“
der Waren (Marx) endgültig erledigt. Das Resultat dieser
Entwicklung ist die Emanzipation der Zeichen gegenüber
dem Realen, wie beispielsweise die Rezeption der Bilder von
Andy Warhol zeigt. Zeichen müssen nicht mehr repräsentieren,
wie dies im Zeitalter der Imitation der Fall war, und sie gehorchen
auch nicht mehr einer Logik der seriellen Produktion oder der
„technischen Reproduzierbarkeit“ im Sinne Walter
Benjamins. Im Zeitalter der Simulation bewegen sich Wert und
Sinn außerhalb der konkret erfahrbaren Realität in
einer „Hyperrealität“, einer Art Paralleluniversum,
einem Reich der Zeichen, das nicht mehr denselben Gesetzmäßigkeiten
folgt wie jenen der Dinge, die sie einmal bezeichneten.
Die
permanente Entfremdung
Die einzige Möglichkeit autonomer Sinnerzeugung innerhalb
der gesellschaftlichenProduktionsmaschine von Zeichen ist die
Produktion eigener Zeichen. Diese Schlussfolgerung liegt den
Subversionsstrategien zugrunde, die unter Begriffen wie „Culture
Jamming“ in Formen der Aneignung, der Entwendung, der
Parodie und der Verfremdung von Medienereignissen und -kampagnen
zur Anwendung kommen. Die künstlerischen Strategie dieser
neuen Form des zivilen Ungehorsams besteht darin, den Konflikt
als Form gesellschaftlicher Auseinandersetzung wieder zu legitimieren
und eine neue Grammatik des Politischen zu etablieren. Dabei
wird auf Baudrillards Überlegung gesetzt, dass es dem System
nicht mehr möglich ist, Kritik als illegitim zu entwerten,
also auf Kritik in der Form einer Gabe zu antworten, welche
die BürgerInnen zufrieden stellt. Das Stadtbild und unser
Innenleben sind vollgepflastert mit den Kauf- und Lebensgestaltungsappellen
der Werbeindustrie, welcher wir kaum etwas entgegen setzen können.
Insbesondere die Gesetze zum Schutz der Marken machen es unmöglich,
eine Marke öffentlich zu kritisieren. Die Werbung will
nicht, dass man ihr antwortet. Deshalb mehren sich die Stimmen,
die fordern, das Recht auf freie Meinungsäußerung
auch in Form von freien Werbeflächen und Sendezeiten einzuklagen.
Die
Gemeinsamkeit aller sozialen Bewegungen liegt im Kampf gegen
Autoritäten, in der Bereitschaft, Risiken einzugehen und
in der Hingabe, Momente der Wahrheit freizusetzen. Die Notwendigkeit,
die geltenden Normen und Gesetze in Theorie und Praxis zu durchbrechen,
hatten bereits die Situationisten formuliert. Die Situationistische
Internationale hatte sich 1957 als Zusammenschluss radikaler
Künstler- und Intellektuellenzirkel gegründet. Der
Begriff des Spektakels ist zentral für ihre Gesellschaftsanalyse.
Er orientiert sich an der Analyse des Warenfetischismus von
Marx, der gesellschaftliche Beziehungen als Beziehungen zwischen
Dingen fasst, was in der „Gesellschaft des Spektakels“
(Guy Debord) noch verstärkt wird durch einen massenmedialen
Totalitarismus. Die Bilder vom eigentlichen Leben ersetzen das
eigentliche Leben. Das Spektakel hält die Menschen in einer
unmündigen Massentrance und ist ein Mechanismus der sozialen
Kontrolle, in der diese als freie Wahl erscheint. Die Situationisten
entwickelten eine Methode der permanenten Entfremdung von gesellschaftlichen
Konventionen. Sie zielten mit dieser Subversionsstrategie darauf,
erstarrte Elemente in Theorie und Praxis neu zu beleben. Die
Situationisten suchten nach Rissen innerhalb der Gesellschaft,
die sie mit Satire, Bluffs, Provokationen und Gewalt vergrößern
wollten. Ihre Schriften und Aktionen enthielten einen Vollstreckungsbefehl
an die Wirklichkeit.