REBEL:ART
   

 

TXT_ Florian Waldvogel
ist Ex-Künstlerischer Leiter / artistic director der Kokerei Zollverein | Zeitgenössische Kunst und Kritik, Essen / Deutschland. u.a. Hrsg. von "Die Offene Stadt: Anwendungsmodelle" (2003).

JPG_ oben Inkunstruction
Urban Artists und Grafik-Kollektiv aus Frankreich: http://www.inkunstruction.com

JPG_ unten Héphaïstos
Héphaïstos
lebt und arbeitet in Paris / Frankreich. Künstler der neuen Situationistischen Internationale und der "L´internationale échantillonniste".

 

Culture Jamming:

Die visuelle Grammatik des Widerstands

 
 

Culture Jamming ist die künstlerische Strategie des zivilen Ungehorsams: Fakes, Adbusting und Semiotic Sniping sind die neuen Subversionsstrategien im Reich der Zeichen und im Kampf um die Rückeroberung des öffentlichen Raumes.

Ich wuchs in den 1980er Jahren auf und brach die Schule ab. Auf der Suche nach einer politischen und kulturellen Identität, die mir weder die erfolgssüchtigen Eltern meiner Kumpel noch meine Mutter boten, ließ ich die kleinbürgerliche Vergangenheit hinter mir. Wer ein Hipster sein wollte, trug Marc’o Polo-Sweat-Shirts, Fruit of the Loom-T-Shirts, Boss-Hosen, Burlington-Socken und Timberland-Treter. Das minimalistisch-oberflächliche Design der Baumwollpullis und das hysterisch-karierte Design der Kunststoffsocken unterstrichen die aufgestaute Aggression der Mama-Papa-Generation, die sich in Straßencafés und auf öffentlichen Plätzen niederließ. Der öffentliche Raum war ein Schaufenster, das den Blick in die verlogene Privatsphäre zuließ. Was aus meiner Generation wurde, wissen wir: ein auf Logos und Symbole reduziertes Abziehbild für Klamotten, Meinungen und Haltungen.

Der öffentliche Raum, den die Situationisten ebenso wie die Punks als sozio-politisches Aktionsfeld und als Lebensraum zur Rückeroberung der Subjektivität verstanden, entwickelte sich im Millennium zu einer gigantischen Shopping Mall für jedes noch so bizarre Bedürfnis. Es gibt praktisch keine Logo-freie Fläche mehr im Stadtraum. Die Warenwelt ist Naturzustand geworden. Und das, was wir gemeinhin unter Natur verstehen – grüne Bäume, saubere Flüsse oder Baggerseen – wurde zu einem Erzeugnis der Freizeit- und Dienstleistungsindustrie. Unsere visuelle Kultur ist bis ins kleinste Detail und bis in die letzte Ecke Privatleben kolonialisiert, von Kommerz und falschen Versprechen durchdrungen, vollgespamt mit Infotainment, Botschaften, Slogans und Symbolen, die kein Sterblicher zu einem Gesamtbild mehr zusammenfügen kann.

Die Herrschaft des Symbolischen
Der Kapitalismus hat sich zu einem System entwickelt, das die Produktion von Zeichen und Bedeutungen extrem beschleunigt. Mit Zeichen sind Bedeutungsträger gemeint, die kulturell-ökonomischen Wert annehmen können. Nicht mehr die materiellen Produktionsverhältnisse, die bei Karl Marx im Mittelpunkt der ökonomischen Kritik standen, stellen das primäre Medium politisch-ökonomischer Hegemonie dar. Angesichts einer exorbitanten Produktion von Zeichen und Bedeutungen, hinter der die Unterscheidung zwischen politischen, ökonomischen und kulturellen Sphären verschwindet, scheint die Frage wichtig, nach welcher Logik diese Produktion funktioniert. Ausgehend von einer Kritik der marxistischen Werttheorie soll hier beschrieben werden, wie der Kapitalismus Signifikationspraktiken perpetuiert, mit dem Effekt, dass die Produktion von Zeichen und ihre Besetzung mit Bedeutungen zu einer zentralen Wertschöpfungspraktik des Millenniums geworden ist. Auch soll gefragt werden, welchen Widerstand man ihr entgegen setzen kann. (2)
Unsere Erfahrungswirklichkeit besteht in zunehmendem Maße aus Zeichen, die in Folge der kapitalistischen Logik mit Bedeutungen und Werten versehen werden. Mit Erfahrungswirklichkeit ist die Realität gemeint, mit der sich ein Subjekt auseinandersetzt, an der es sich reibt und in der es handelt, aus der heraus sich seine Projektionen, Ängste und Erwartungen ableiten und anhand welcher sich Subjekte spiegeln, selbst erkennen oder entwerfen. Der in einer kapitalistischen Produktionslogik geschaffene „hyperreale“ Zeichenkosmos steht nicht mehr kausal mit der konkreten Realität in Verbindung. Der Verlust der „irdischen“ Referenz der Zeichen ist ein zentraler Punkt in der Kritik des Kapitalismus als Zeichenmaschine und des Wandels der Herrschaftsausübung über das Symbolische.


Mit der zunehmenden Zeichenhaftigkeit, Immaterialität und Virtualität der Waren im fortgeschrittenen Kapitalismus hat sich die Vorstellung von einer „hausbackenen Naturalform“ der Waren (Marx) endgültig erledigt. Das Resultat dieser Entwicklung ist die Emanzipation der Zeichen gegenüber dem Realen, wie beispielsweise die Rezeption der Bilder von Andy Warhol zeigt. Zeichen müssen nicht mehr repräsentieren, wie dies im Zeitalter der Imitation der Fall war, und sie gehorchen auch nicht mehr einer Logik der seriellen Produktion oder der „technischen Reproduzierbarkeit“ im Sinne Walter Benjamins. Im Zeitalter der Simulation bewegen sich Wert und Sinn außerhalb der konkret erfahrbaren Realität in einer „Hyperrealität“, einer Art Paralleluniversum, einem Reich der Zeichen, das nicht mehr denselben Gesetzmäßigkeiten folgt wie jenen der Dinge, die sie einmal bezeichneten.

Die permanente Entfremdung
Die einzige Möglichkeit autonomer Sinnerzeugung innerhalb der gesellschaftlichenProduktionsmaschine von Zeichen ist die Produktion eigener Zeichen. Diese Schlussfolgerung liegt den Subversionsstrategien zugrunde, die unter Begriffen wie „Culture Jamming“ in Formen der Aneignung, der Entwendung, der Parodie und der Verfremdung von Medienereignissen und -kampagnen zur Anwendung kommen. Die künstlerischen Strategie dieser neuen Form des zivilen Ungehorsams besteht darin, den Konflikt als Form gesellschaftlicher Auseinandersetzung wieder zu legitimieren und eine neue Grammatik des Politischen zu etablieren. Dabei wird auf Baudrillards Überlegung gesetzt, dass es dem System nicht mehr möglich ist, Kritik als illegitim zu entwerten, also auf Kritik in der Form einer Gabe zu antworten, welche die BürgerInnen zufrieden stellt. Das Stadtbild und unser Innenleben sind vollgepflastert mit den Kauf- und Lebensgestaltungsappellen der Werbeindustrie, welcher wir kaum etwas entgegen setzen können. Insbesondere die Gesetze zum Schutz der Marken machen es unmöglich, eine Marke öffentlich zu kritisieren. Die Werbung will nicht, dass man ihr antwortet. Deshalb mehren sich die Stimmen, die fordern, das Recht auf freie Meinungsäußerung auch in Form von freien Werbeflächen und Sendezeiten einzuklagen.

Die Gemeinsamkeit aller sozialen Bewegungen liegt im Kampf gegen Autoritäten, in der Bereitschaft, Risiken einzugehen und in der Hingabe, Momente der Wahrheit freizusetzen. Die Notwendigkeit, die geltenden Normen und Gesetze in Theorie und Praxis zu durchbrechen, hatten bereits die Situationisten formuliert. Die Situationistische Internationale hatte sich 1957 als Zusammenschluss radikaler Künstler- und Intellektuellenzirkel gegründet. Der Begriff des Spektakels ist zentral für ihre Gesellschaftsanalyse. Er orientiert sich an der Analyse des Warenfetischismus von Marx, der gesellschaftliche Beziehungen als Beziehungen zwischen Dingen fasst, was in der „Gesellschaft des Spektakels“ (Guy Debord) noch verstärkt wird durch einen massenmedialen Totalitarismus. Die Bilder vom eigentlichen Leben ersetzen das eigentliche Leben. Das Spektakel hält die Menschen in einer unmündigen Massentrance und ist ein Mechanismus der sozialen Kontrolle, in der diese als freie Wahl erscheint. Die Situationisten entwickelten eine Methode der permanenten Entfremdung von gesellschaftlichen Konventionen. Sie zielten mit dieser Subversionsstrategie darauf, erstarrte Elemente in Theorie und Praxis neu zu beleben. Die Situationisten suchten nach Rissen innerhalb der Gesellschaft, die sie mit Satire, Bluffs, Provokationen und Gewalt vergrößern wollten. Ihre Schriften und Aktionen enthielten einen Vollstreckungsbefehl an die Wirklichkeit.

 
   
   

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