

Subversive Kräfte haben in Berlin mal wieder ein paar Plastikrohre ausgegraben und zweckentfremdet. Und die “Auguststrasse” liefert dazu gleich die passende Gebrauchsanweisung. Danke! “Vor kurzen sind die schönen weißen Plastikrohre mal wieder ausgebuddelt worden. Der Rohrdurchmesser passt genau über die Poller, die die Kreuzung vor parkenden Autos schützen. siehe auch: “Gebrauchsanweisung für die Zweckentfremdung”, Guy-Ernst Debord und Gil J. Wolman, Les Lévres nues, Nr. 8, Mai 1956.”
Gebrauchsanweisung für die Zweckentfremdung
Alle ein wenig unterrichteten Köpfe unserer Zeit sind sich über diese offensichtliche Tatsache einig, daß es für die Kunst unmöglich geworden ist, sich selbst als eine höhere Tätigkeit zu behaupten, nicht einmal als eine Kompensation, die man ehrenhaft betreiben könnte. Die Ursache für dieses Absterben ist deutlich in dem Aufkommen von Produktivkräften zu finden, die andere Produktionsverhältnisse und eine neue Lebenspraxis erforderlich machen. In der Bürgerkriegsphase, in der wir uns jetzt befinden, und eng verbunden mit der Orientierung, die wir für bestimmte höhere Tätigkeiten in der Zukunft entdecken, können wir annehmen, daß alle bisher bekannten Ausdrucksmittel dabei sind, sich zu einer allgemeinen Bewegung der Propaganda zu vereinigen, die alle sich wechselseitigbeeinflussenden Aspekte der gesellschaftlichen Wirklichkeit umfaßt.
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Nicht nur ein Zurückgehen, auch das Verfolgen der “aktuellen” kulturellen Ziele müssen eine reaktionäre Wirkung haben, da sie tatsächlich von den ideologischen Entwicklungsformen einer veralteten Gesellschaft abhängen, die ihre Agonie bis zum heutigen Tag hinausgezögert hat. Nur die extremistische Erneuerung ist historisch gerechtfertigt.
Das literarische und künstlerische Erbe der Menschheit muß insgesamt für eine parteiliche Propaganda benutzt werden. Es kommt selbstverständlich darauf an, über jede Idee des Skandals hinauszugehen. Da die Negation der bürgerlichen Auffassung des Genies und der Kunst schon lange überholt ist, bietet der Schnurrbart der Mona Lisa keinen interessanteren Aspekt als die erste Version des Bildes. Jetzt muß dieser Prozeß bis zur Negation der Negation weitergeführt werden. Bertolt Brecht, der vor kurzem in einem Interview mit der Wochenzeitschrift France-Observateur erklärte, er streiche in den klassischen Theaterstücken bestimmte Stellen, um ihre Aufführung erzieherisch erfolgreicher zu machen, steht der von uns geforderten revolutionären Konsequenz viel näher als Duchamp. Wobei man allerdings darauf hinweisen muß, daß im Falle Brechts dieses nützliche Eingreifen in engen Grenzen gehalten wird aufgrund einer unberechtigten Ehrfurcht vor der Kultur, wie sie die herrschende Klasse definiert – dieselbe Ehrfurcht, die in den Volksschulen der Bourgeoisie und in den Zeitungen der Arbeiterparteien gelehrt wird, und die dazu führt, daß in den rotesten Gemeinden der Pariser Vororte für die Tourneen des T.N.P. immer wieder “Le Cid” statt “Mutter Courage” gefordert wird. Um es deutlich zu sagen: Es muß mit jedem Begriff des persönlichen Eigentums auf diesem Gebiet Schluß gemacht werden. Das Auftauchen anderer Notwendigkeiten macht die früheren”genialen” Verwirklichungen hinfällig. Sie werden zu Hemmnissen und schrecklichen Gewohnheiten. Es geht nicht darum zu wissen, ob wir uns zu ihnen hingezogen fühlen oder nicht. Wir müssen uns darüber hinwegsetzen.
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Das Licht der Zweckentfremdung verbreitet sich gradlinig. Da die neue Architektur anscheinend mit einer barocken Experimentalstufe beginnen muß, wird der architektonische Komplex – den wir als die Konstruktion eines dynamischen Milieus in Verbindung mit Verhaltensstilen verstehen – wahrscheinlich die Zweckentfremdung der bekannten Architekturformen benutzen und sich auf dem Gebiet der Plastik und der Emotionen verschiedene zweckentfremdete Gegenstände in jedem Fall zunutze machen – so werden sachkundig arrangierte Kräne oder Metallgerüste vorteilhaft die tote Tradition der Skulptur ersetzen. Daran können nur die schlimmsten Fanatiker der französischen Gartenbaukunst Anstoß nehmen. Man erinnere sich daran, daß das Aas d’Annunzio auf seine alten Tage in seinem Park den Bug eines Torpedobootes aufgestellt hatte. Wenn man seine patriotischen Motive ignoriert, kann man nur Gefallen an diesem Denkmal finden.
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Die hier kurz behandelten Verfahren werden nicht als eine eigene Erfindung ausgegeben, sondern im Gegenteil als eine ziemlich allgemein verbreitete Praxis, deren Systematisierung wir beabsichtigen.
Die Theorie der Zweckentfremdung an und für sich interessiert uns kaum. Wir finden sie aber mit fast allen konstruktiven Aspekten der prä-situationistischen Übergangsperiode verbunden. Ihre Bereicherung durch die Praxis scheint uns also notwendig zu sein. Wir verschieben die Weiterentwicklung dieser Thesen auf eine spätere Zeit.
Via: Auguststrasse


