
Das Podium zur Eröffnung: Alain Bieber, Martin Büsser, Lizvlx (Ubermorgen.com) und Stefan Römer



Zwei Führer auf einer Bühne: Martin Sonneborn und Alf Thum

Der neue Stern am Leipziger Galeriehimmel: Die essential existence gallery

Zuerst gab’s skeptische Blicke beim Antipreneur-Vortrag – aber danach wollte doch jeder das “Kartenspiel “Kriege” gewinnen



Roger Behrens über Pop und Subversion. Fotos: Felix Schiemank.
Leipzig, sonst eher eine grundehrliche Stadt, in der Frisöre noch mit einem fröhlichen “Kamm in” grüßen und es sonst Informationsveranstaltungen zu Themen wie “Hund-Mensch / Mensch-Hund” gibt, hatte zum subversiven Stelldichein geladen: Vom 16. bis 18. April, fand dort der erste Brimboria Kongress statt – Thema war “Die subversive Strategie des Fake”. Eine Freundin schrieb mir daraufhin: “Was ist denn ein Fake-Kongress? Habt Ihr da so getan als wärt Ihr wahnsinnig wichtig und habt Podiumsdiskussionen über Nonsens-Themen gehalten? Oh, das stelle ich mir sehr sehr unterhaltsam vor. Darf ich beim nächsten Mal dabei sein und Frau Dr. Mustermann, Expertin für interterrestrisches Leben sein?”
Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ja, stimmt, wahrscheinlich war der ganze Kongress doch ein Fake! Und all das Theoriegewichse von Lars Quadfasel, Martin Büsser, Stefan Römer, Roger Behrens und dem neostalinistischen Autorenkollektiv Biene Baumeister Zwi Negator (bei dem man Angst haben musste, bei jeder kritischen Nachfrage sofort im Gulag zu laden) war doch ein einziger Fake-Brainfuck? Aber wahrscheinlich ist dem leider doch nicht so, wahrscheinlich gehen linke Vordenker zum Lachen noch immer in den Keller. Am liebsten hätte ich jedem zugerufen: “Wenn ich nicht tanzen darf, möchte ich an Eurer Revolution nicht beteiligt sein.“ (frei nach Emma Goldman). Aber zum Glück brachen Vorträge, von Antipreneur und das Partei-Gipfeltreffen mit Martin Sonneborn und Alf Thum, dem Führer der Front Deutscher Äpfel, das kontersubversive Treiben. (“Humor ist konterrevolutionär”, so Herr Zwi Negator, wurde nach dem Kongress zu meinem neuen Lieblingsspruch.)
Das Grundproblem der Veranstaltung lag vor allem in der Annahme relativ verfeindete Gruppen an einen Tisch zu bekommen – und am Ende bleibt das schale Gefühl, dass sich “der/die PolitaktivistIn”, “der/die TheoretikerIn” und “der/die KünstlerIn” noch weniger zu sagen haben, als bisher befürchtet. Trotzdem: Das Bestreben einen solchen Kongress durchzuführen ist absolut bewunderns- und lobenswert. Was die Brimboria-Gründer Max und Tom da mit ein paar Euros auf die Beine gestellt haben, verdient wirklich einen dicken Applaus! Dass sich viele Debatten dann in typisch linken Grabenkämpfen verfaserten und die Praxis und der Spaß viel zu kurz kamen, kann man den Veranstaltern nicht ankreiden. Schon eher dem Publikum: Da kommen einmal rund 200 linke Aktivisten und Künstler zusammen – aber anstatt gemeinsam konstruktiv an der “Revolution” zu basteln, geht man sich gegenseitig an die Gurgel.
Ich für meinen Teil hatte trotzdem einen großen Spaß – das Wetter war traumhaft, es war schön alte Bekannte und neue Brüder/Schwestern im Geiste zu treffen. Besonders gespannt bin ich auf die geplante Ausstellung zum Thema “Subversion” im Leipziger Projekt- und Ausstellungsraum essential existence gallery! Zu dem Thema bald mehr. Und die Moral von der Geschicht: Kaum war ich zurück in Berlin, habe ich ein Plakat mit “Gelitin in Berlin” entdeckt. Ich also zur Galerie VW gepilgert – und vor Ort musste ich dann feststellen, dass nicht das österreichische Künsterkollektiv, sondern die Künstlerinnen Ina Viola Blasius, Jsem Tvoje Zrcadlo und Birgitt Fischer im Namen von “Gelitin” geladen hatte. Ätschibätschi – und dann fiel mir doch ein Stein vom Herzen, es funktioniert noch immer und wird immer funktionieren und es ist so verdammt einfach. Oh, welcome back, du wundervolle Fake-Praxis!