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Emess & Errorist: “Believe in what?”

“Wer seit Karfreitag durch den Viktoriapark spaziert, wird seinen Augen nicht trauen: Auf dem Kreuzberg hängt Jesus – lebensgroĂź und dornengekrönt. In einer Nacht- und Nebelaktion haben wir die Skulptur am Holzkreuz des Denkmals des Arbeiteraufstandes vom 17 Juni platziert. Man sieht die blutigen Striemen der GeiĂźelung auf Jesus RĂĽcken, denn die Ikone ist nicht wie ĂĽblich mit der Brust, sondern mit dem RĂĽcken zum Betrachter ans Kreuz geschlagen. Die simple Verdrehung der so häufig gesehenen Ikone sticht ins Auge, als Fehler in der bekannten Sichtweise. „You are right if you are wrong“ ist das Motto. Wir Kreuziger – ein „urbaner Bildhauer Emess“ und ein selbsternannter „Errorist“ – behaupten, mit der Skulptur Jesus letzten Wunsch zu erfĂĽllen: Man möge ihn mit dem Gesicht zum Kreuz aufhängen. Ob die Behauptung stimmt, dass es Jesus letzter Wunsch gewesen sei, verkehrt herum am Kreuz zu hängen, ist Glaubenssache. Somit thematisiert und provoziert die Aktion das Grundprinzip „Glaube“ der Instanzen Kunst wie Kirche – den Glauben an das Bild des Erlösers und den Glauben an die Heiligkeit der Kunst. Mit der Verkehrung der Figur soll Jesus nicht verspottet werden, vielmehr soll die Plastik die revolutionäre Seite des radikalen Volkspredigers und heiligen Anarchisten sichtbar machen, der den Konflikt mit den damaligen Glaubensströmungen und der herrschenden Ordnung nicht scheute. Durch die unauthorisierte Anbringung der Jesus-Plastik widersprechen wir dem Erhaltungs- und Vermarktungssinn des offiziellen Kunstbetriebes und der staatlichen Kontrolle des öffentlichen Raumes.” (Aus dem “Bekennerschreiben” von Emess & Errorist)

“Heiligenverkehrung, ein erroristischer Anschlag! Da Religionen sich meist aufs Imaginäre beziehen, sind sie auf Symbole zur Vermittlung ihrer Botschaften angewiesen. Nach dem Theologen Paul Tillich ist das Symbol die Sprache des Glaubens. Als SchlĂĽsselsymbol christlichen Glaubens, verweist das Passionskreuz zum einen auf die Hinrichtung Jesus von Nazareth, zum anderen auf den Glauben selbst. In keinem anderen Symbol ist der christliche Glaube so verdichtet wie im Passionskreuz. Die Verdrehung der sakralen Jesusfigur hat die Versetzung der symbolischen Ordnung zur Folge. Bei dem Betrachter löst sie eine Irritation aus, durch die fraglos hingenommene/tradierte „Wahrheiten“ in Frage gestellt werden. Die Abwendung Jesus vom Betrachter symbolisiert den Prozess der Ablösung der Kunst von ihrem religiösen Ursprung. Seit der Moderne sind Kunst und Religion in eine Art Konkurrenzverhältnis getreten, ihr gemeinsames Gut ist die Transzendenz. Viele traditionelle Funktionen der Religion, etwa die der Sinnstiftung, die Vermittlung von Werten, wurden von der Kunst ĂĽbernommen. Wie Klaus Biesenbach feststellt, hat diese Entwicklung eine Funktionsverschiebung zur Folge: „Viele Kirchen werden besucht, um ihre glanzvolle Architektur und ihre Bilder zu betrachten. Kunst hat parallel zu dem Bedeutungsverlust von Religion in vielen Bevölkerungsgruppen eine Rolle ĂĽbernommen, der das Erhabene, Sublime, Wahre und Schöne, das Erhellende und Transzendente zugewiesen wird.“ Nach Hans Belting ging der Bedeutungsverlust der Religion durch die Aufklärung keineswegs mit dem Erlöschen des GlaubensbedĂĽrfnisses einher. Die Inszenierung „Woran glauben“ richtet sich an den Betrachter, der eine spirituelle Begegnung mit dem Kunstwerk sucht, um seine Sehnsucht nach Sinn zu befriedigen. Eine letzte Parallele lässt sich im heiligen Ernst finden, der Religion und Kunst wieder zunehmend gemeinsam ist. Wenn wir also heute die in jeder Hinsicht profanisierenden Ready-Mades Duchamps zitieren, dann ist der Humor darin das einzige Aktuelle. Wie Donald Kuspit sagt: „Wo der Nihilismus der Moderne das Heilige zu unterminieren versucht, hat der Nihilismus der Postmoderne die Ăśberreste dessen, was einst als heilig – von einem inneren Wert – erschien, zum Thema und bringt dessen sich selbst karikierenden, ja sich selbst leugnenden Charakter zum Ausdruck.“ (Zu den “HintergrĂĽnden”)

Mehr Bilder hier, Presse-Echo (“Denen ist wohl gar nichts heilig, was fĂĽr eine Verhöhnung!”) hier, hier und hier. Via: Mail, danke!

Comments

2 Comments so far. Leave a comment below.
  1. Prof. Dr. Dr.,

    Etwas pseudo intellektuell aufgeladen das ganze.

    “Durch die unauthorisierte Anbringung der Jesus-Plastik widersprechen wir dem Erhaltungs- und Vermarktungssinn des offiziellen Kunstbetriebes…”
    ATM schlieĂźen!

  2. Endlich respektiert jemand Jesu’ wahren Willen! Lobet den Herren!
    Darauf hin habe ich gleich eine Facebook-gruppe gegrĂĽndet. Jeder der des richtigen Glaubens ist kann beitreten!
    http://www.facebook.com/group.php?v=info&gid=106426366060474

    p.s. ich (Josef Prost) bin eine multiple Person und haben einen öffentlichen Account. Um das Passwort zu erfahren mĂĽsst ihr mich nur als Freund “adden”, dann könnt ihr auch Administrator der Gruppe sein und eventuelle Rechtschreibfehler ausbessern.

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