

Subversive Romantik: Die Subversiv Messe in der schwarzen Halle am Linzer Hafen



Florian Tampe und Christiane Schuller haben wieder eine wunderbare Recycling-Sauna gebaut: Detox Two

Die Fahrrad-Fetischisten der Wiener Bike Kitchen schraubten volle vier Tage an Fahrrädern herum und zelebrierten den Drahtesel als “kulturtechnisch bedeutsamste Erfindung des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts”

Ruppe Koselleck an seinem Stand: Er hat in rund 21 Filialen und in ganz Europa seine “parasitären Publikationen” in die IKEA-Möbelausstellungen geschmuggelt

Interaktive Skulptur von Biederpunk: “Jede Person hat die Möglichkeit zum Dummy zu werden und die eigene Risikobereitschaft zu testen. Risiko stellt in einem Klima von Sicherheitshysterie ein hohes subversives Potenzial dar. Angst ist zu einem zentralen Repressionwerkzeug geworden das mittels medialer Verbreitung Konstruktionen installiert die einschüchtern und letzendlich eine entmündingende Wirksamkeit entfalten.”

Dummy Yourself: Der Leiter der Vereins Social Impact, Harald Schmutzhard, auf dem schnellen Stuhl

Besucherin mit wahnsinnigen Tattoos auf beiden (!) Oberarmen: Lecker, lecker, Cupcakes!

Dumpster Cooking: Malin Neuman aus Schweden kochte Backstage mit gefundenen Essensresten

Kochsalon II: Ohne ihn wären sicherlich alle Messeteilnehmer verhungert – der holländische Aktivist Wam Kat kocht bereits seit 1981 kostenlos für Menschen in Flüchtlingslagern und Teilnehmer von Großveranstaltungen. Danke, es war lecker!

Die österreichische Gruppe Gold Extra präsentierte ihr Frontiers Game: “Frontiers lässt die Spieler die Grenzerfahrung erleben: Auf sich gestellt mit und gegen andere Mitspieler überschreiten sie Grenzen in Afrika und Osteuropa, zwischen der Sahara und dem Wald von Ben Younech, dem Kaukasus und den Wäldern von Weißrussland.”

Monkeydick Production: Verwirrende Gesprächssituationen um “Irritation über die widersprüchliche Darstellung des geschlechtlichen und sexuellen Humankapitals zu produzieren”

Obwohl allen klar war, dass man sich auf einer Subversiv Messe befindet, schaffte es das Trio der EUAA (European Advertising Agency) viele Besucher von ihren “Belangen” zu überzeugen (Chapeau, Jungs, eine wirklich verdammt gute Performance): “Im Zentrum des Projekts EUAA stehen inszenierte Vorgänge rund um eine fiktive Agentur der Europäischen Union, die sich um die Organisation und Durchführung einer europaweiten Werbeliberalisierung kümmert. Am stärksten polarisiert bei dieser Reform die “Aufwertung” der Euro-Banknoten zu Werbeflächen. Das Herzstück des Projekts ist das Promotion-Video der European Advertising Agency, eine fiktive, dystopische Belangsendung der Europäischen Union, in der diese werbepolitische Entwicklung vorgestellt und beworben wird.”

Keine Werbung ist hier sicher: Eine spontane Adbusting-Intervention gehört eben dazu

Dee Hibbert-Jones von Psychological Prosthetics führte Beratungsgespräche, damit die Besucher ihre Ängste bewältigen können: “Politische Handlungsfähigkeit soll anhand der Infragestellung von Gefühlen wie Angst, Schuld, Empörung, Apathie, Wut, Hoffnungslosigkeit und Bedauern wieder hergestellt werden”

Marina Belobrovaja schaffe es mit ihrer hintergründigen Performance wirklich subversiv zu sein: Auf ihre Kritik am blinden Aktionismus fielen so gut wie alle Messebesucher herein. Die Verführung eine Tomate auf böse Logos zu werfen, war eben einfach zu groß. Marina: “Es fällt auch auf, dass in diesem Umfeld noch immer die Bio-Tomate am liebsten geworfen wird.” Auch die Bio-Tomate war übrigens Fake – ebenso wie der überzogene russische Dialekt. Die Tomaten rotteten vor sich hin und nach drei Tagen stank es schon gewaltig. Und aus dem Radio tönte übrigens, falls mal jemand ein Logo mit der “Munition” traf, die Internationale – in verschiedenen Sprachvariationen.

Die detailverliebten und raffinierten Produkt-Parodien des Antipreneur-Shop waren ein absolutes Highlight der Messe: Unglückskekse, Waldbrandtapete, Luxusuhr “Privatier” (ohne Zeiger und natürlich mit Diamanten aus Sierra Leone), Kartenspiel “Kriege”, Nordic-Stalking-Stöcke, Einkauftüten ohne Boden – und vieles, vieles mehr. Schaut Euch diesen liebevoll gestalteten “Shop” mal an – eine “Shopping-Tour” lohnt sich, jedes “Fake”-Produkt ist ein Knaller!

Shirts und Sticker en masse: Die Gruppe Ideal bei ihrer mobilen Siebdruck-Werkstatt

Benjamin Zuber hat einen parasitären Verbraucher entwickelt: an der schwarzen Glühbirne hängt ein Stromzähler und klärt über den Verbrauch auf – aber natürlich ohne zu leuchten

Der “Freespeaker” der Gruppe Ropress, Tobham und Lisette: Einfach anrufen und seine Botschaft auf Band sprechen – die Demopuppe trägt die Botschaft dann anonym mittels Megaphon vor

Bei Hans Bernhard und Lizvlx wurden die Besucher durch den Ex-”Guantanamo Bay”-Wächter Chris und die Vernehmungs-Software Superenhanced Generator verhört.

Guerilla Gardener Richard Reynolds beim Interview

Die Gruppe v.o.n. – kmr bastelte Radiostörsender

Job-Absagen schreibt man natürlich mit der Absageagentur

Infrarotlicht gegen Überwachungskameras: “Das von U.R.A. / FILOART entwickelte Gerät verspricht den BürgerInnen einen zuverlässigeren Schutz vor Sicherheitsmaßnahmen des Staates (und anderen Überwachenden). I-R.A.S.C. bietet die Sicherheit vor der Sicherheit und weist somit auf die Asymmetrie der Kräfte zwischen dem Überwachenden und dem Individuum hin.”

Brody & Paetau und ihr Käfig/Installation “Let Me Out”: Eine Anspielung auf die ganze Subversiv Messe? Denn immerhin fühlten sich hier viele Aussteller ebenfalls wie in einem Zoo. Ironie der Geschichte: Angeblich starb der Vogel kurz vor der Messe. Zufall oder kalkulierte Provokation? Auf jeden Fall saßen die beiden Künstler die gesamten Tage über in ihrer Messekabine – eben auch wie in einem Käfig.
Ich bin zurück aus Linz. Und der Abschied fiel wahrlich schwer. Die subversiven Tage waren einfach zu schön – ich habe so viele unglaublich tolle Projekte gesehen und Menschen getroffen, bei denen man sofort fühlte, dass man sich auf der gleichen Wellenlänge bewegt. Es ist einfach verdammt schön zu sehen, dass man nicht der einzige Freak da draußen ist. Und ob nun eine Subversiv Messe wirklich subversiv sein kann – wurscht! Wir hatten Spaß, wir haben debattiert, gestritten und nachgedacht, wir haben uns vernetzt und gepürt, dass es genug kreativen Widerstand gibt. Kurzum: Auch wenn Linz (noch) nicht abgebrannt ist – es lag ein Funkeln in der Luft! Und ich habe wieder gemerkt: Unter dem Pflaster liegt noch immer der Strand – und auch wenn die meisten als Brandstifter geboren werden und als Feuerwehrmann sterben – man sollte das zündeln nie lassen! Und an alle Spötter und Kritiker: Ja, klar, Subversion ist ein Luxus, den wir uns in unserem Königreich leisten. Aber ich liebe eben auch alle Hofnarren! Also: Noch einmal tausend Dank an den Verein Social Impact, der es wirklich geschafft hat 50 AktivistInnengruppen Freaks aus 22 Nationen zu koordinieren! Es muss weiter gehen – lasst uns auf jeden Fall in Kontakt bleiben! Also: Wie wäre es mit einer Subversiv Messe 2010 in Hamburg?
Mehr Medien? OÖN-Bericht hier, Tagesthemen-Bericht hier, Euke Klaavs Bericht hier, FM4-Bericht hier. Bilder von rebel:art, eSeL.at und vipinart.