REBEL:ART
   

 
 
 

Santiago Sierra

... und die Macht des Geldes

 
 

50. Biennale in Venedig, 2003: Wer die Schau von Santiago Sierra sehen möchte, muss einen spanischen Pass vorlegen. Zwei Wachleute in Uniform kontrollieren gnadenlos jeden Besucher.

Selbst John Wadsworth, Vorstandsmitglied der Guggenheim-Museumsstiftung, bekam keinen Zutritt. Und die wenigen Besucher, die dann tatsächlich einen spanischen Pass vorweisen konnten, sahen nichts als weisse Räume. Alle Räume waren leer - das Kunstwerk war die Barrikade und Sierras Thema wie schon öfters die Immigration. Sierra gelingt es so immer wieder das Thema Rassismus provokativ in Szene zu setzen, einst liess er z.B. in Mallorca ein Transparent mit der Aufschrift „Inländer raus“ aufhängen.

Geld ist Macht – damals wie heute. Mit Geld kann man alles kaufen. Macht und Mörder, Prostituierte und Politiker, Kinderriegel und Kinder – einfach alles. Diese bittere Realität inszeniert Santiago Sierra in seinen erbarmungslosen Performances. Oft hart an der Schmerzgrenze, immer provokativ und stets bewegend. Sierras Arbeitsmaterial sind Obdachlose, Drogenabhängige, Asylanten und Prostituierte – Menschen am Rande der Gesellschaft, die Ausgestoßenen. Vergessene, benutzte und weggeschmissene Menschen. Diese Menschen bezahlt Sierra damit sie sich den Kopf rasieren, sich tätowieren lassen, masturbieren oder schwere Arbeiten ausführen. Und dokumentiert dann seine Arbeit in schwarz/weiß Bildern und Videos, mit objektiven Schilderungen, ohne die leiseste Anteilsnahme, ohne einen Hauch von Pathos. Eine schonungslose Dokumentation, damit später niemand sagen kann: Ich habe von nichts gewusst. Angewidert von dem banalen Kunstuniversum Europas flüchtet Sierra in den 90er Jahren von Spanien nach Mexiko. In Mexiko-City, seinem freiwilligem Exil, lebt und arbeitet er noch heute – inspiriert von dem urbanen Chaos, geprägt durch die Ausbeutung der Menschen und der Macht des Kapitals.

: : : dos maraqueros, 2002. gallerie enrique guerrero, mexico city.

 

 

 

 

 

Sierra bezahlte einige stadtbekannte Bettler und stellte diese in der Galerie aus; sobald Besucher kamen, klagten und bettelten diese. Durch Boxen und Mikrophone wurde ihr "Klagegesang" noch verstärkt.

Sierra bezahlte in einer kleinen italienischen Stadt einige Prostituierte aus dem Osten, machte Polyurethan-Abdrucke ihres Geschlechts und stellte diese später in einer Galerie aus.

In Havanna bezahlte er 20 Dollar an 10 Jugendliche, damit diese vor der Kamera mastrubieren.

Er tätowierte eine 250 cm grosse Linie auf den Rücken von 6 Männern, für 30 Euro. Einige Jahre zuvor tätowierte er eine kleinere Linie auf den Rücken vier Prostituierter.

Bei der Biennale 49 bezahlte er einige Nichteuropäer, damit diese ihre Haare blond färben.

Sierra offenbart unsere innersten Gesellschaftsstrukturen, den Mechanismus von Wirtschaft und Gemeinschaft und spiegelt so die Frage der Macht und des Geldes wieder.

Für Sierra bestimmt Geld den Wert aller Dinge, selbst den Grund warum diese existieren; zwischen zwei Menschen hat immer einer die Macht den Willen des Anderern zu bändigen, für Sierra ist Geld diese Macht. Eine Macht die keine Grenzen kennt und die den anderen tun lässt, was immer man will.

Sierra dokumentiert trocken in s/w-Bildern und Videos seine Arbeit - ohne Anteilsnahme, ohne Rührung, ohne Pathos. Die bittere, gnadenlose Realität - sonst nichts.

Sierra über Sierra

Selbstbildnis mit nüchterner Biographie:

''I did 90 art works : 2 in 1990, 5 in 1991, 2 in 1992, 1 in 1993, 12 in 1994, 1 in 1995, 6 in 1996, 3 in 1997, 8 in 1998, 6 in 1999, 14 in 2000, 12 in 2001 and 18 in 2002."

 

 

 

 

Ausstellungen:

03.10.04 - 05.12.04
1. Internationale Biennale Zeitgenössischer Kunst Sevilla Biennale Sevilla

09.2004 - 12.2004
Seven Sins Museion, Bozen

17.07.04 - 26.09.04
GEGEN DEN STRICH Kunsthalle Baden-Baden

19.06.04 - 05.12.04
Die Zehn Gebote Deutsches Hygiene-Museum, Dresden

06.06.04 - 12.09.04
Made in Mexico UCLA Hammer Museum, Los Angeles

22.05.04 - 24.07.04
Santiago Sierra Galerie Peter Kilchmann, Zürich

03.04.04 - 23.05.04
Santiago Sierra - 300 Tonnen/300 tons Kunsthaus Bregenz

29.02.04 - 13.06.04
Soziale Kreaturen - Wie Körper Kunst wird Sprengel Museum, Hannover

 
 
     
 
   
 

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