„You
want to wear it, why shouldn’t cities wear it too?”
fragte im Oktober 2003 Nike. Nikeground, das neue Projekt des
Sportartikelherstellers möchte eine neue, revolutionäre
Vision vermitteln: rethinking space! In den nächsten Tagen
wird die Nike Infobox um die Welt ziehen, um zu verkünden,
dass ausgewählte Plätze, Parks und Strassen dazu auserkoren
wurden in Nikeplatz, Nikesquare und Nikestrasse umbenannt zu
werden.
Auf
der Webseite
in perfekter Nike-Ästhetik verkündet dann auch Phil
Knight, der Gründer von Nike, euphorisch: „Ich hatte
schon immer den Eindruck, dass sich aus irgendwelchen Gründen,
die Stadtplanung und Architektur nicht so schnell entwickelt
haben, wie z.B. Design und Fashion. Deshalb sehen grosse Städte
auch alt aus, aus der Mode gekommen und bedrückend. Denkt
an die Namen von Plätzen und Strassen, das ist doch tatsächlich
die Marke einer Stadt. Politiker, die niemand kennt, alte Generäle
und unbekannte Künstler: diese Namen sind doch nicht angemessen
um das Lebensgefühl einer modernen Metropole wiederzugeben!
Die Idee und Form des Swoosh ist bei weitem einprägsamer
und auch gut bekannt bei der neuen Generation. Außerdem
ist der Name Nike viel leichter zu merken, als die örtlichen
Straßennamen, besonders für Touristen. Mit dem Projekt
Nike Ground planen wir, die Städte mit unseren Werten und
unserem Style zu umgeben, um den Menschen mehr Inspiration und
Innovation zu schenken – rethinking space!“
Und
damit nicht genug: Nike möchte auch noch eines der größten
Denkmäler der Geschichte schaffen – einen 36 Meter
langen und 18 Meter hohen Swoosh. Aus Stahl, mit rotem Gummi
überzogen, genau in der Mitte des neuen Nikeplatzes. Wien,
Samstag, den 4.Oktober 2003 – die österreichische
Kronen Zeitung hat die Gerüchte bestätigt, wonach
der historische Karlsplatz in Wien schon ab dem nächsten
Jahr in Nike-Platz umbenannt werden soll. Und die überparteiliche
Bürgerinitiative
"Öffnet den Karlsplatz! – Für einen Platz
der Offenen Kulturen" ruft zu einem breiten Protest gegen
den Verkauf des Karlsplatzes an einen Großkonzern auf
und fordert von der Wiener Stadtregierung, die Entscheidung
umgehend rückgängig zu machen. Dazu der Gründer
Dr. Wolfram Liebig: "Die Wienerinnen und Wiener dürfen
sich das nicht gefallen lassen! Die Unterstützung vieler
Menschen macht uns Mut, daß wir eine solche Schande von
Wien abwenden können. Wir sind jedenfalls zum äußersten
entschlossen."
Dann
überhäufen sich die Ereignisse: Bürger sind empört,
Infotelefone klingeln pausenlos, endlose Leserbriefe werden
geschrieben, denn immerhin ist Wien endlich in das Verzeichnis
des Weltkulturerbes aufgenommen worden – bis dann plötzlich,
einige Tage später, das irritierte Dementi von Nike Österreich
kommt: „Wir stellen hiermit fest, dass es sich sowohl
bei der vermeintlichen Nike-Website um eine Fälschung handelt
als auch die dort beschriebenen Aktionen reiner Schwindel sind.
Gleiches gilt auch für den "Informationsstand",
die vermeintlichen Mitarbeiter von Nike und die verteilten Flugblätter
auf dem Karslplatz - ein Schwindel von vorne bis hinten.“
Hinter
dieser Fake steckte niemand geringerer als das Media Art Kollektiv
0100101110101101.ORG, die diese „hyperrealistischen Theaterinszenierung“
in Zusammenarbeit mit der österreichischen Public Netbase,
dem „Institute for New Culture Technologies“, realisierte.
*
* *
Was für sneakers trägst Du?
Ich könnte auch Nikes tragen. Erwarte keine logischen Zusammenhänge
von mir, niemals. Die Leute denken Künstler wären
ehrliche und unkorrupte Leute, ohne Kompromissfähigkeit,
und die Künstler geben ihr Bestes um diesen romantischen
Mythos zu bewahren. Die Realität sieht ganz anders aus.
Ich fühle mich durch etwas genauso stark angezogen, wie
ich es auch ablehnen kann. Wir leben in dieser Welt und dieses
Projekt – Nike Ground – gehört zu diesem Zeitgeist.
Zurück zu Nike Ground: Ich kenne die aktuellen Reaktionen
von Nike nicht … aber ich glaube, sie wollten rechtliche
Schritte einleiten… Was ist der Stand der Dinge und habt
Ihr solche Reaktionen erwartet? Vielleicht ist Nike eifersüchtig,
weil sie nicht diese Marketing Idee hatten …
Am
14. Oktober 2003 veröffentlichte Nike eine 20seitige gerichtliche
Verfügung, die das sofortige Entfernen aller Copyright
geschützten Materialien und die Einstellung jeglicher auf
Nike bezogenen Aktivitäten forderte. Nike wollte uns dann
auf 78.000 Euro Schadensersatz verklagen, falls wir uns weigern,
diese Forderung zu akzeptieren. Wir haben das Ultimatum ingnoriert
und haben unsere Performance, wie zu Beginn geplant, bis Ende
Oktober fortgesetzt. Der Handelgerichtshof lehnte Nikes Klage
aus formalen Aspekten ab. Die erste Runde haben wir gewonnen,
jetzt sind wir bereit die zweite Runde zu beginnen. Eine solche
Reaktion habe ich nicht erwartet, ich dachte wir haben es hier
mit sportlichen Leuten zu tun, die den Wettkampf lieben, nicht
mit einem Haufen langweiliger Advokaten! Wo ist der Sportsgeist
von Nike?“
Warum
habt Ihr Nike ausgewählt? Ich empfinde kein Mitleid, aber
irgendwie ist stets Nike der Buhmann der gesamten Industrie
(z.B. die Sweatshop Kampagnen in den USA) und ich glaube nicht,
dass Adidas, Gap & Co. sozialer agieren ...
Wir
hätten irgendeine andere Marke benutzen können, wir
haben nur die sichtbarste gewählt. Nike ist der ideale
Gegenstand für ein Kunstwerk: sein Logo, der Swoosh, ist
wahrscheinlich die „meistgesehene“ Marke auf der
Welt, mehr als jedes politische oder religiöse Symbol.
Mit
Nike Ground habt Ihr für die “künstlerische
Freiheit” gekämpft: Gibt es wirklich keine Grenzen?
Kunst
ist genau dieses Grenzgebiet, Grenzen sind nie dort, wo du sie
vermutest. Ich glaube, dass in der Modernen Kunst, Dinge, die
normalerweise als “provokativ” angesehen werden,
genau das Gegenteil sind, nämlich extrem konservativ (z.B.
nackte Körper, Genitalien oder Leichen). Nike ist genau
das Gegenteil: Banal, gewöhnlich, zu unserem alltäglichen
Leben gehörend, wirklich nichts extremes oder grenzenloses.
Viele
Aktivisten wollten nie als Künstler bezeichnet werden.
Nach ihrer Argumentation besitzt der Künstler Narrenfreiheit
– und am Ende landet Dein Kunstwerk im Museum mit hunderten
Besuchern, gegen die Du immer gekämpft hast. Seid Ihr Künstler
oder Aktivisten und benutzt Ihr den Deckmantel der Kunst für
Eure Aktionen?
Wir
sind weder Künstler noch Aktivisten: Wir sind Beobachter.
Wir inszenieren paradoxe Situationen, setzen uns dann in den
Polstersessel und beobachten die Konsequenzen. Ein nicht-existierender
serbischer Künstler, ein virtueller Putsch gegen den Vatikan,
ein Computervirus als Kunstwerk, eine ungewollte Werbekampagne.
Solche Geschichten gehen durch die Presse, werden auf der Strasse,
im Internet, im Fernsehen verbreitet, du kennst sie von deinem
Nachbarn. Sie verbreiten sich durch jedes Medium und werden
zu modernen Mythen. Am Ende landen sie auch in Museen und damit
gibt es auch kein Problem, das eine schließt das andere
nicht aus.
Projekte
wie Nike Ground sind teuer. Wie finanziert Ihr Eure Projekte?
In
diesem Fall wurde das gesamte Projekt von Public Netbase finanziert,
eine Institution für Netzkultur in Wien. Manchmal wurden
unsere Projekte auch von Museen gefördert, wie z.B. das
Walker Art Center oder durch Organisationen wie z.B. Manifesta.
Neben Aufträgen verkaufen wir auch Arbeiten an den Kunstmarkt:
Gerade jetzt verkaufen wir eine Kopie unseres Biennale.py Virus
an einen privaten Sammler. Die Erlöse werden in neue Aktionen
investiert. Wer unsere Kunstwerke kauft, unterstützt unsere
Aktivitäten.
Glaubt
Ihr, Ihr könnt politisches oder soziales Verhalten mit
Eurer Arbeit verändern?
Ist
mir egal. Meine einzige Verantwortung ist unverantwortlich zu
sein.
Und?
Was werden Eure Projekte im Jahr 2004 sein?
Wir
offenbaren nie, an welchen Projekten wir gerade arbeiten. Viele
unsere Aktionen brauchen diesen Überraschungseffekt, darum
werden sie heimlich organisiert, manchmal auch aus Gründen
der Legalität. Wenn Nike oder die Stadt Wien gewusst hätten,
was wir organisieren, sie hätten uns gestoppt. Aber macht
Euch keine Sorgen, immer wenn ein Projekt zu Ende geht, ist
die Falle immer schon wo anders ausgelegt.
Vielen
Dank für das Interview.